Der Staat befahl ab einem Hektar Fläche eine feste Abgabeordnung, für Großbetriebe oft unrealistisch hoch, da häufig die Rinderherden als Reparationen weggetrieben und Zugtiere sowie Zugmaschinen beschlagnahmt wurden. Getreide lieferten die Bauern zum Händler, z.B. Firma Käbisch auf dem Saumarkt. Kartoffeln kamen auf dem Bahnhof Nerchau in Waggons zum Transport in die Städte. Zuckerrüben wurden auf die Kleinbahn in der Gornewitzer Straße verladen, natürlich von Hand, zur Fahrt nach Oschatz in die Zuckerfabrik. Geschlachtet wurde selbst oder die Tiere wurden zu den vielen Fleischermeistern nach Nerchau gebracht. Der Saumarkt trägt heute noch seinen Bestimmungsnamen, die alte Viehwaage gegenüber der ehemaligen Kneipe Deutsches Haus wurde abgerissen. Zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft wurden Organisationen geschaffen, die mit ständig verbesserten Arbeitsgeräten, durch die Bereitstellung von Saatgut, Dünger usw. die Bauern unterstützten. Die MAS – Maschinen-Ausleih-Stationen, in denen sich Bauern Geräte und Maschinen, also Pflüge, Dresch- oder Sämaschinen usw. ausleihen konnten. Die Neubauern, Flüchtlinge aus dem Osten, vor allem aus Schlesien, fingen bekanntlich mit nichts, außer ihrer Arbeitskraft und viel Mut an zu wirtschaften. Später folgte die MTS – Maschinen- und Traktorenstation. Jetzt konnte man schon einen Traktor und Pflug oder Mähdrescher mit Fahrer zur Ausleihe bestellen, was eine riesige Hilfe war. In Nerchau befand sich diese in der Gornewitzer Straße, im ehemaligen Sägewerk Pfütze. Dort war bis 1996 auch ein Technikstützpunkt der ehemaligen LPG. Heute arbeitet das Busunternehmen Naundorf dort. Die VEAB, die Volkseigenen Erfassungs- und Aufkaufbetriebe, heute ein Lager der Getreide AG Trebsen, Ortausgang Richtung Gornewitz, erfassten alle landwirtschaftlichen Produkte außer Obst und Gemüse. In der VEAB wurden alle Verträge abgeschlossen und auch erfüllt, welche der Bauer für das ganze Jahr brauchte: Getreide, Schlachtvieh, Zuckerrüben, Kartoffeln für Futterzwecke, Stroh usw. Wegen der festen Preise konnte alles an einem Ort erledigt werden. Die VdgB – BHG – Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe – Bäuerliche Handelsgesellschaft - am Nerchauer Bahnhof - handelte mit Kohle, Baustoffen, Waren des täglichen Bedarfs, Düngemitteln, Handwerkszeug, Saatgut und Futtermitteln. Sie führte in Erntezeiten Getreide- oder Kartoffeltransporte für die LPG durch. Weiterhin war die Bauernbank ein Teil der BHG. Sie führte Konten und Sparbücher der Bauern und diese konnten dort ihre Rechnungen bezahlen, auch Kredite aufnehmen. Die Raiffeisenbank Grimma e.G. in der Hugo – Koch Strasse ist der Nachfolger. Die VdgB erfasste die Bauern ebenfalls als Massenorganisation. Es wurden Bildungsfahrten sowie Ferienlager für die Kinder organisiert. Für die Erwachsenen existierten eigene Ferienhotels wie z.B. das Ringberghaus in der Nähe von Suhl. OGS – die Aufkaufstelle für Obst, Gemüse und Speisekartoffeln auf dem Saumarkt. Aus den umliegenden Orten brachten die Leute riesige Mengen frische Ware, da der Aufkaufpreis lukrativ war. In einem Teil der Gebäude ist heute der Bauhof der Stadt untergebracht. Die Arbeit auf dem Bauernhof meiner Großeltern in Deditz war körperlich hart, begann am Neujahrstag und endete Silvester eines jeden Jahres. Der Tag begann 5.30 Uhr mit dem Melken der 12 Kühe, natürlich mit der Hand in den Eimer, später mit einer Kannen-Melk-Maschine. Dann wurde bei den Tieren gemistet und je nach Jahreszeit mit Klee oder Silage, Wasser und Schrot gefüttert. Neben den Kühen, gab es noch15 Jungrinder und Kälbchen zu versorgen. Dann ging es in den Schweinestall. Kartoffeln aus der Futter Dämpfe wurden gequetscht und mit Getreideschrot und Wasser den Mastschweinen und Läufern gefüttert, die drei Ferkelsauen und Ferkel wurden oft speziell noch mit Molke versorgt. Jetzt waren die beiden Pferde an der Reihe. Grobfutter und je nach Arbeitsanfall gab es eine Ration Hafer. Die Stalltür zum Auslauf der Hühner, Tauben, Enten und Gänse wurde geöffnet, Wasser und Weizen in den Trog geschüttet. Die Schafe teilten sich mit den Pferden die Koppel. Dann wurden die Pferde angespannt und 7.00 Uhr fuhr die Familie auf das Feld. Die 5,5 Hektar mussten gepflügt, bestellt und geerntet werden. Zuckerrüben, Gerste, Weizen, Hafer, Kleegras, Futterrüben, Kartoffeln und Gemüse sorgten für ständige Arbeit. Zwei Pferde, meine Eltern und Großeltern machten die Arbeit. Ein Hund gehörte zur Familie. Das Dorf half sich bei Not gegenseitig, aus der Stadt kamen oft Helfer nach der Schicht oder zum Feierabend. Mähdrescher gab es noch nicht. Das Getreide wurde mit der Sense oder später mit dem Mähbinder abgehauen, man raffte die vielen Halme zu Garben zusammen, diese wurden zu Puppen aufgestellt, um noch zu trocknen. Die Puppen wurden mit der Garbengabel auf Leiterwagen geladen und zu Hause in der Scheune eingelagert. War die Ernte beendet, wurde gedroschen. Die Garben wurden nun wieder mit Hand aus der Scheune zur Dreschmaschine getragen, eingelegt, diese trennte Korn, Spreu und Stroh. Das Getreide wurde in 75 kg Säcke gefüllt und ins Wohnhaus auf den Oberboden getragen. Dort war es trocken und es verdarb nicht. 11.00 Uhr bis 13.00 Uhr war Mittagspause, auf dem Feld ging die Arbeit dann weiter.16.00 Uhr endete die Feldarbeit mit dem Mähen und Aufladen des Grünfutters für die Rinder und Pferde. Diese ausspannen, putzen, Futter abladen, Kühe melken, alles Getier füttern, die Schweine ausmisten, die Kartoffeln für die Kartoffeldämpfe aus dem Keller holen, diese waschen und die Dämpfe nebenbei mit Holz heizen, waren ständig weitere Arbeiten die erledigt werden mussten. Heu und Stroh aus der Scheune in den Stall tragen, die Hühner und das andere Federvieh einsperren nicht zu vergessen. Irgendwann gab es Abendbrot. Kleine Reparaturen wurden danach erledigt. Im Winter wurde neben der Tierpflege hauptsächlich in dem 3 ha großen eigenen Wald gearbeitet, zum Aufforsten und zur Brenn- und Nutzholzgewinnung. Für die Frauen, die als Arbeitskraft völlig integriert waren, galt es, noch die Familie, also die Kinder, den Mann, oft noch Eltern und Großeltern zu versorgen. Schon das Waschen der vielen Wäsche, natürlich meist per Hand war ein Abenteuer. Essen kochen, Kuchen und teilweise Brot backen auf oder im Herd, der mit Holz gefeuert wurde. Die Kinder mussten in die Schule geschickt werden, Hausaufgaben gab es auch. Das Haus und das Grundstück mussten gereinigt und das Aushängeschild, der Vorgarten, gepflegt werden. Natürlich gab es auch ruhigere Tage. Die Familie fuhr nach Grimma oder Leipzig, zum Einkaufen, wöchentlich sowieso nach Nerchau, obwohl viele Händler ins Haus kamen. Der kleine Bauernhof vom Großvater war auf Grund des fruchtbaren Bodens in Deditz, der guten Mischung von Jung und Alt in der Familie sowie viel Bauernschläue sehr rentabel. So wurde zum Beispiel auf einer kleinen Fläche Gemüse angebaut, das sehr gut verkauft wurde. Aber nicht zu vergessen: selbstständig heißt selbst und ständig. 1955 wurde das Nachbargut von meinen Eltern gekauft, somit die Betriebsgröße verdoppelt. Nach einem erfolgreichen Jahr wurde das Geld verwendet, um die Arbeit mit neuer Technik zu erleichtern. So wurde die Holzdämpfe durch eine elektrische ersetzt, an die Jauchenpumpe kam ein Elektromotor, der Leiterwagen wurde gummibereift, ein Mähbinder erworben oder auch ein kleines Stück Land dazu gekauft. Mit Stolz kauften meine Eltern mit nicht mal 25 Jahren das Motorrad AWO. Jetzt waren auch Fahrten nach Westberlin einfacher, um Mandeln, Schokolade, Kaffee, Ölsardinen und Mandarinen zu kaufen. Der 2-mal 3 Meter große Teppich, auf dem Motorrad mitgebracht, ist heute noch da. Einer der ersten Fernseher flimmerte bei meinen Eltern. 1958 wurde ein Skoda „Oktavia“ gekauft und bezahlt. Pump gab es damals nicht. Dann kam das Jahr 1960. Viele Dörfer waren längst vollgenossenschaftlich. Bauern aus Fremdiswalde und Deditz waren mit den letzten Ungehorsamen in unserer Gegend. Die LPG-Typ 1 in Deditz war klein. Der 50 Hektar große Betrieb Ulbricht wurde dem Volkseigenen Gut Cannewitz zugeteilt. So blieben etwa die 30 Hektar für die LPG-Typ 1 Deditz. Dementsprechend niedrig war in diesem Wirtschaftszweig die Produktivität. Eine drastische Vergrößerung der Betriebe war überfällig. Da diese LPG von der Fläche her zu klein war, gab es die Weisung der Partei, sich 1961 mit der LPG-Typ lll in Golzern zusammen zu schließen. Erleichtert wurde der Schritt von „Aktivisten“, die einfach die Milchkühe meiner Familie eines Vormittages, als alle auf dem Feld waren, nach Golzern trieben. Siegfried Richter wurde mit 30 Jahren Vorsitzender. Im gleichen Jahr begann er an der Hochschule für LPG in Meißen ein fünfjähriges Fernstudium zum Diplomlandwirt. Eine Symbiose aus jungen Hochschullehrern und Studenten aus der Praxis, die neuestes Wissen sofort umsetzten, gleichzeitig ihre Praxis Erfahrungen einbrachten, entwickelte sich. Siegfried Richter war einer der letzten Bauern, der fast unter Zwang der LPG beitrat. Er wurde ein geachteter, sehr erfolgreicher Vorsitzender, bis er als Geschäftsführer der GmbH 1995 verstarb. Eine Etappe in seiner Entwicklung waren noch mal fast zwei Jahre Delegierung mit Parteiauftrag nach Prösitz, bevor 1963 unsere Familie nach Nerchau zog. Die Überlegenheit der landwirtschaftlichen Großbetriebe besteht nicht nur im geringeren Verlust an Kulturfläche, in Einsparung an lebendem und totem Inventar in voller Ausnutzung des Inventars, in der großen Möglichkeit, Maschinen anzuwenden und in der leichteren Kreditbeschaffung, sondern auch in der kommerziellen Überlegenheit und in deren Verwendung sowie in wissenschaftlich geschulten Leitern. Der landwirtschaftliche Großbetrieb bediente sich in hohem Maße der Kooperation der Arbeiter und der Arbeitsteilung. In Ostdeutschland ordnete man an, gefordert durch die Sowjetunion, dass sich die Bauern in Genossenschaften zusammenschließen sollen, buchstabengetreu nach Lenin. Gibt es noch einen dritten Weg, ohne LPG oder Bauernsterben? Ja es gibt ihn, und er heißt: Subventionen. Erhebliche staatliche Unterstützung der Bauern mit günstigen Krediten, festen Aufkaufpreisen und weitergehender Steuerbefreiung. Ein reicher Staat kann sich das eine Zeitlang leisten. Nur in die Zukunft führt dieser Weg nicht. Seit ihrer Gründung heftig umstritten: die LPG. Für die einen Verkörperung von gesellschaftlichem Fortschritt, von menschenwürdigerem Leben auf dem Lande, für die anderen Raub und schwerste Nötigung. Inzwischen ist das Prinzip LPG Geschichte. Keiner muss hinein, jeder kann selber privater Bauer sein, ob klein oder groß. Schauen wir ein wenig zurück. Genossenschaften waren das Ziel der Landwirtschaftspolitik der SED nach 1945. Doch als sich im Jahr 1951 und im Frühsommer 1952 tatsächlich die ersten LPG bildeten, hatten diese mit unerwarteten Schwierigkeiten zu kämpfen. Eine Genossenschaft von Bauern, die – sagen wir so – nicht besonders ertragreich wirtschaftete, hatte auch in der Gemeinschaft keinen Erfolg. Hilfe von außen gab es nicht. Probleme hatten alle so genug. Die II. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 brachte die Wende. Die Parteistrategen erklärten den Aufbau der Grundlagen des Sozialismus zum Hauptziel der nächsten Jahre. Die LPG sollten jegliche Unterstützung erhalten. Industriearbeiter aufs Land – das Stichwort für die Menschen in den Städten, den Bauern zu helfen. Viele Studenten wurden nach Mecklenburg delegiert, um dort die dünn besiedelten Orte zu stärken. Aber auch in Nerchau nutzten viele Arbeiter aus umliegenden Industriebetrieben die Möglichkeit, durch Schichtfahrer als Traktorist ihr schmales Gehalt aufzubessern. Vorerst gab es drei Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die LPG Typ I, II oder III. Typ I hieß: Jeder brachte Feld und Arbeitsgeräte in die LPG ein. Der LPG-Vorstand entschied, wer, wo, wann, welche Arbeiten durchführte, und bezahlte diese Viehfutter, auch wenn es vom eigenen Acker war, mussten die Genossenschaftsbauern nun von der LPG kaufen. Eine große Vorbildrolle oder Erfolge konnte man mit dieser LPG noch nicht verbuchen. Die gut wirtschaftenden Bauern hatten absolut keine Lust, mit ihrem Besitz dieser LPG auszuhelfen und sich wo möglich auf ihrem eigenen Besitz noch anstellen zu lassen. Aber was zählte damals schon die Lust. Lenin hat es so gesagt. Wer nicht wollte, kriegte halt keinen Dünger mehr zu kaufen oder niemand nahm ihm seine Schweine ab. Es gab genug solche Überzeugungsmethoden und schließlich waren Anfang der 60 er Jahre fast alle Bauern LPG-Mitglieder. Typ I war nur eine halbe Sache. Der Typ II war wenig ausgeprägt, da nur die Tiere gemeinsam genutzt wurden. In der LPG Typ III gehörte eigentlich alles der Genossenschaft, auch das Vieh kam in die Ställe der LPG. Warum weigerten sich dennoch einige Bauern, in die LPG einzutreten? So wurden die Landwirte im Sozialismus nicht enteignet. Sie behielten ihr Privateigentum an Grund und Boden sowie ihre Gebäude. Aber der Kleinbauer stieß an Grenzen. Er konnte, selbst wenn er es wünschte, nicht länger arbeiten, als dies sein Feld erforderte. Die Kinder mussten bestimmte Arbeiten erledigen, die Alten, die oft bis zum 70. Jahr und länger mitarbeiteten, wurden mit eingespannt. Der Bauer musste 14 statt 10 Stunden arbeiten und arbeitete auch so lange, er vertrug die übernommenen Anstrengungen, war aber schneller verbraucht als der normale Arbeiter. Denn neben der Feldarbeit wartete noch die häusliche Wirtschaft, der Bau und die Instandhaltung des Hauses, des Stalls, der Geräte und Maschinen, der Garten, die Kinder und die Familie. Um ihren Besitz zu mehren, arbeiteten sie wie Sklaven. Das besagte nichts Anderes, als dass der bäuerliche Betrieb dem Großbetrieb gegenüber sich nicht auf seine höheren Leistungen, sondern auf seine geringen Ansprüche stützte. Der Großbetrieb musste nicht nur bäuerliche Arbeitskräfte halten, sondern auch städtische Arbeitskräfte, deren Ansprüche auf einem unvergleichlich höheren Niveau standen. Der Staat setzte diese Erkenntnisse mit Macht und der Brechstange durch, weil das Volk hungerte. 1948 war Währungsreform, die Reichsmark hatte keinen Wert. Bis weit in die fünfziger Jahre wurden die wenigen Nahrungsmittel noch mit Lebensmittelkarten verteilt. Die ersten LPG in und um Nerchau. Die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) „Karl Marx“ Nerchau wurde am 01. Januar 1959 durch den Zusammenschluss der LPG Typ III „Banner des Friedens“ Denkwitz und der LPG Typ III „Rosa Luxemburg“ Gornewitz gegründet. Die Leitung oblag am Anfang hauptsächlich in den Händen ehemaligen Industrie- und Landarbeitern. 1963 wurde Siegfried Richter eingesetzt. Die LPG Typ I „Guter Wille“ Gornewitz und die LPG Typ I „Einigkeit“ Würschwitz schlossen sich am 1. Januar 1966 der LPG „Karl Marx“ Nerchau an. 1967 folgten die LPG Typ III „Albrecht Thaer“ Grottewitz sowie die LPG „Justus von Liebig“ und 1974 zuletzt die LPG Typ I „Goldene Ähre“ Schmorditz. Die Fluren der Genossenschaften erstreckten sich auf die Gemarkungen der Orte Denkwitz, Gornewitz, Nerchau, Schmorditz, Thümmlitz, Grottewitz und Würschwitz. Bewirtschaftet wurden 695 ha Ackerfläche und 265 ha Grünland, mit 89 Mitgliedern, 8 Lehrlingen, 6 Spezialisten und 40 Saisonkräften. Bei Arbeitsspitzen half die befreundete Garnision der Sowjetarmee aus Altenhain, dort waren ein paar hundert Soldaten stationiert. Die Soldaten waren froh über die Abwechslung, bekamen auch aus der Küche ordentlich Essen, der Vorsitzende ließ die ersten Arbeitseinsätze eine Flasche Rum in den Teekübel schütten mit dem Erfolg das alle Soldaten nach Nerchau wollten. Zum Dank wurde von der LPG z.B. eine Fußballmannschaft komplett ausgestattet, ein andermal eine Musikkapelle. Die Tage der Roten Armee im Februar und der Oktoberrevolution im November waren für die Gratulanten immer Schwerstarbeit, da die Offiziere außerordentlich trinkfest waren. Die Frauen der Kommandanten bestimmten das Niveau der Veranstaltung. Ein Jahr war teuerstes Geschirr und Silberbesteck auf dem Tisch, bei dem nächsten gab es kein Besteck. Aber Essen immer im Überfluss. Die Freundschaft war mitunter sehr ausgeprägt, obwohl die Offiziere laufend versetzt wurden. Ein Major namens Pawel brachte meinem Vater aus Taschkent, sicher mit vielen Problemen einen schneeweißen Jagdhund mit, aus dem Heimaturlaub. Ein andermal bekamen wir eine Postkarte aus Moskau von Valentin, er war Oberstleutnant, Kommandeur in Altenhain, der mit 45 Jahren in Rente ging, da er schon im Krieg diente, mit der Anschrift: Genosse Siegfried Nerchau. In den Ställen waren damals 636 Rinder und 1500 Schweine, oft auf den Höfen der Mittelbauern, da sie größere Ställe besaßen. In Schmorditz im Gehöft Förster war seit 1962 die Gemüsebrigade stationiert. Etwa 25 Frauen und Männer arbeiteten im Winter im beheizten ehemaligen Kuhstall und zogen Pflanzen, die im Frühjahr in wiederum beheizten Frühbeetkästen auf etwa 3000 m² gepflanzt wurden. Schüler aus der Polytechnischen Oberschule kamen ab 1964 zum UTP-Unterricht, dem Unterrichtstag in der Produktion dazu. Eine Herausforderung für den Traktoristen war das fahren der Traktoren mit der Pflanzmaschine auf dem Feld, da angezogenen Pflanzen auf nun große Äcker kamen, die mit langsamster Geschwindigkeit, bei oft großer Hitze und 10 Frauen im Schlepptau, welche die Stecklinge in die Pflanzräder steckten. Angebaut wurde damals: Tomaten, Radieschen, Rosenkohl, Gurken, Rotkraut, Weiskraut, Porree, Kohlerrüben, Möhren und Rhabarber. Einmal wurde 1 ha Erdbeeren angebaut, diese wurden restlos gestohlen. Große Erfahrungen hatten die Nerchauer mit Pflanzenvermehrung. Zur Saatgutproduktion wurde zum Beispiel Zuckerrübensamen produziert. Der Samen wurde im Frühjahr ausgesät, die Stecklinge im Herbst mit einem Gerät gerodet, im Frühjahr wieder gepflanzt und im Herbst mit dem Mähdrescher gedroschen. Neben Getreide, wurde Klee, Luzerne, Weidel - und Knaulgras in großem Rahmen auf ein paar hundert ha vermehrt. Aber auch kleine Nischen gab es schon, z.B. Zwiebel, Möhren, Mohn oder Dillesamen. Einmal sogar die Blumen der Sorte Aster auf 5 ha in Schmorditz, dunkelblaue Winterastern, andersfarbige wurden herausgepflückt. Das Herzstück der LPG „Karl Marx“ Nerchau war die Stallanlage in Würschwitz. 1967 wurde mit dem Bau eines modernen Kuhstalles auf Stroh- Einstreu für 450 Kühe begonnen. Dazu wurde das nötige Jungvieh in der alten Offenstallanlage aus den fünfziger Jahren gehalten, so waren 700 Tiere am Ort. Der Offenstall hatte, in der DDR noch nicht den Erfolg, da nach dem Krieg ein absoluter Mangel an Kraftfutter, also Getreideschrot und Eiweißfutter, herrschte. Die Erträge auf dem Feld waren noch zu gering, die Ernährung der Bevölkerung stand im Vordergrund. Ein Tierarzt prägte den Begriff „Hunger Starr Krampf“, da die Tiere im Winter stark abmagerten. Deshalb wurden die Felder um den Stall, etwa 80 Hektar, als Weide mit Kleegras angesät und mit Holzpfählen eingekoppelt. So konnten die Tiere nach dem Melken ständig frisches Futter fressen. Eine Beregnungsanlage sorgte für sichere Erträge. Um der Sommertrockenheit in der Gemüseproduktion und auf den Kuhweiden zu entgehen, wurde in Nerchau auf einer Fläche von über 100 ha eine Beregnungsanlage aufgebaut, das heißt, ein unterirdisches Netz von Wasserleitungen verlegt, das über Hydranten angezapft werden konnte. Der Teich bei Gornewitz, der durch das Mutzschener Wasser gefüllt wird, wurde als Speicher genutzt und versorgte fünf riesige Pumpen mit Wasser. Sobald ein Hydrant auf dem Feld geöffnet wurde, sprangen die Pumpen selbstständig an. Auch das Brauchwasser für den Kuhstall wurde so gepumpt. Zur Ergänzung baute man im Würschwitzer Grund eine Talsperre, da der Wasservorrat im Sommer nur bis zum Nachmittag reichte. Ein Schieber wurde geöffnet und durch den Bach floss zusätzliches Wasser in den Teich. Der Leiter der Beregnungsanlage war Herr Erich Wahrig, später sein Sohn Otto. Familie Wahrig, eine hoch anständige, fleißige Familie waren bis 1945 Eigentümer des Rittergutes in Haubitz. Die zu allgemeinen, von Stalin bestimmten Gesetze über die Bodenreform machten auch bei ihnen keine Ausnahme. Sie wurden enteignet und mussten Sachsen verlassen. Später kauften sie ein Bauerngut in Nerchau und wurden mit ihrer Erfahrung in der Landwirtschaft ein Stützfeiler der LPG. Gemolken wurden die Kühe im Fisch Gräten Melkstand, benannt nach der Standflächenanordnung der Tiere, die Milch wurde gekühlt und konnte so ein, zwei Tage gelagert werden. In riesigen Bergeräumen wurde Heu und Stroh eingelagert, das Winterfutter in Silos am Stall. Eine Futterlagerhalle am Stall hatte Fußbodenheizung, damit das Futter im Winter auftaute. Die Lehrausbildung, die 1972 in ihr neues Haus einzog wurde erweitert. Etwa 40 Lehrlinge für Tierproduktion arbeiteten, lernten und wohnten im Lehrlingswohnheim in Würschwitz. Eine große Küche versorgte den gesamten Betrieb. Ein Ledigenwohnheim mit vier Wohnungen sowie der angrenzende Wohnblock mit 12 Wohnungseinheiten rundeten das Objekt ab, die vom zentralen Heizhaus des Stalles mit Wärme versorgt wurden. Mitte der 60iger Jahre produzierte die DDR eine moderne Generation von Landmaschinen und selbstfahrenden Arbeitsmaschinen. Die ersten K700, Raketenschlepper der Sowjetunion mit 7 Scharpflug bearbeiteten die Felder. Um die Technik auszulasten wurde ab 1968 von den LPG Mutzschen und Nerchau gemeinsam geerntet. So existierte ein gemeinsamer Mähdruschkomplex von 5 Mähdreschern vom Typ E 512, jeder aber von seiner LPG gekauft und betrieben. Gemeinsam wurden die je 450er Kuhställe in Würschwitz, Wagelwitz und Mutzschen gebaut. ZBO - Zwischenbetriebliche Bauorganisation war für das Bauen von Ställen und Lagerhallen verantwortlich, die betriebliche Baubrigade ergänzte sie. Unsere Partner kamen von Großbothen und Glasten. Das Trockenwerk in Hohnstädt stellte getrocknetes Futter für den Winter her. Luzerne wurde von den LPG in einem Ring um Grimma speziell zum Trocknen angebaut, mit dem Feldhäcksler gemäht, gleichzeitig auf Hänger mit 8 Tonnen Nutzlast gefördert und in Hohnstädt wurde bei hohen Temperaturen in einem Trommeltrockner das Wasser entzogen und die Trockenmasse in Pellet zusammengepresst. So entstand ein eiweißreiches, langhaltbares Futter. In Leisenau produzierte man Strohpellets, stärkereiches Futter. Die ZBE-Großküche Mutzschen Mutzschen, Zwischenbetriebliche Einrichtung, kochte seit 1982 täglich 1000 Portionen für viele Betriebe und war für die Mittagsversorgung verantwortlich. Für 1 DDR-Mark gab es an jedem Arbeitsplatz unserer LPG-Mittagessen und Getränke. Eine große Hilfe waren die ACZ-Agrochemischen Zentren Colditz und Großsteinberg. 1973 gegründet, streuten diese für die LPG`s Dünger, Kalk, Mist, führten Getreide-, Kartoffel und Zuckerrübentransporte durch, gaben Pflanzenschutzempfehlungen machten Bodenuntersuchungen, brachten Pflanzenschutzmittel aus, z.B. mit dem gelben Agrarflieger Z 37, mit dem sogar das Getreide. Jedes Zentrum hatte einen Pflegestützpunkt, wo intervallartig Großmaschinen der LPG einen Ölwechsel und Durchsichten erhielten, Reparaturwerkstätten für die LKW W50 gehörten dazu. Auch waren diese Betriebe Vorreiter für Neues. So für die Düngung mit Flüssigdünger. Eine Amonium -Harnstofflösung im Getreide gemischt mit den Pflanzenschutzmitteln. Mehrere Arbeitsgänge und teure Feldüberfahrten werden gespart. All diese Betriebe wurden aber aus Geldern der LPG finanziert und aufgebaut. Der KfL – Kreisbetrieb für Landtechnik reparierte in Grimma die kaputte Technik, besaß ein Ersatzteillager, machte die Fahrschule für Traktoren und LKW. Der Nachfolger ist die OTEMA GmbH Grimma bzw. seit 2015 die New-Tec Ost Vertriebsgesellschaft für Agrartechnik mbH - Grimma KIM – Kombinat Industrielle Mast produzierte in Mutzschen Enten- und Gänseküken. Jetzt züchtet Lorenz Eskildsen von der Nordsee da Gänse. Der Geflügelschlachthof in Mutzschen, genannt „Ente“ schlachtet Federvieh, heute speziell Puten. VVB – Saat- und Pflanzgut in Grimma - heute BayWa - stellte Saatgut bereit. Die Getreidewirtschaft Grimma kaufte alles Getreide auf und lagerte es. Ein kleines Lager ist noch in Nerchau mit dem Namen Getreide AG Trebsen. Das große Lager in Trebsen mit dem hohen Türmen gehört der Familie Rothe aus Rendsburg und kann mit 70.000 Tonnen gefüllt werden. Um den Einsatz der Großtechnik zu vereinfachen, half die Meliorationsgenossenschaft Leisnitz bei Oschatz mit Spezialtechnik. großer Felder von über 100 ha zu schaffen, kleine ungenutzte Feldwege wurden entfernt, nasse Wiesen entwässert. Um der Sommertrockenheit in der Gemüseproduktion, der Futterproduktion und auf den Kuhweiden zu entgegnen wurde neben Nerchau noch eine zweite Beregnungsanlage aufgebaut und so das Netz auf über 550 Hektar erweitert. Die Molkereien in Grimma und Cannewitz verarbeiteten die erzeugte Milch, die Brauerei Cannewitz die Braugerste, der Schlachthof Grimma das Schlachtvieh, die Mühle in Golzern produzierte Mischfutter für die Tierproduktion. VVB-Tierzucht Grimma, das ist eine kleine Stallanlage, in der Zuchttiere leben, diese lieferten das Zuchtmaterial für die LPG. Er ist heute noch in Grimma, gegenüber der BayWa. All diese Unternehmen waren in Staatseigentum. Über Kooperationsverträge arbeiteten alle zusammen mit dem Ziel, das Volk mit Nahrungsmitteln und die Industrie mit Rohstoffen zu versorgen, was ihnen auch gelang. Die ZET- Zentrale Erntetechnik war ein großer Mähdruschkomplex von 20 Mähdreschern, die von den LPG Anfang der siebziger Jahre finanziert, aber von Studenten gefahren wurden. Dazu wurden LKW aus den ACZ und der Industrie dazu delegiert. Die Notwendigkeit bestand darin, dass bedingt durch die hohen Tierbestände, hauptsächlich Schweine und Rinder, sehr viele Hektar Wintergerste angebaut wurden, die aber genetisch bedingt einen kurzen Erntezeitpunkt hat, da die Ähren schnell abbrechen. Diese Komplexe fuhren schwerpunktmäßig von LPG zu LPG und halfen. Mit einer neuen Generation an Mähdreschern, die mehr Arbeitsbreite und Leistung hatten, wurde die ZET Mitte der 80er nicht mehr benötigt und die Mähdrescher an die LPG zurückgegeben. Um eine sinnvolle Großraumwirtschaft zu organisieren, wurden zu Beginn der 70er Jahre, wie bei der LPG Typ I, die Felder gemeinsam bewirtschaftet. Das löste jahrelang viele Diskussionen aus, war aber für die Entwicklung des Zusammenschweißens von 22 Orten und 7 Unternehmen auf 4700 Hektar Ackerfläche und 500 Hektar Grünland, Wiesen und Weiden notwendig. Die Gründung der KAP, ergab zwar noch keine LPG, aber ein Zusammenarbeiten der Ackerbauer im Territorium, also einen Teilschritt zur großen LPG, welche ja heute wieder existiert. Damals wurde aber das Feld vom Tier getrennt, der Ackerbau bekam neueste Technik, die Tierproduktion trat auf der Stelle. Der Bauer verstand das nicht. Die Bildung der KAP- die Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion erfolgte durch Beschluss der Vollversammlungen der LPG en am 01.01.1973. KAP-Leiter wurde Siegfried Richter. Büro wurde eine alte Holzbaracke in Nerchau Markt 4. Ein Produktionsleiter, die Bereichsleiter Technik, Bodenbearbeitung, Futterproduktion und Pflanzenschutz sowie etwa 30 Brigadiere und Komplexleiter organisierten die Arbeit auf den 5200 Hektar Fläche mit etwa 300 Arbeitskräften. Von der Mulde in Nerchau, entlang der Kreisgrenze nach Wurzen hinter Fremdiswalde, entlang dem Wermsdorfer Wald bis hinter dem Horstsee vor Wermsdorf, entlang der Kreisgrenze nach Wetteritz, hinter der Autobahn entlang bis zur Muldebrücke nach Deditz, ein Territorium von 10 mal 12 Kilometer. Täglich von 13.30-14.30 Uhr war Arbeitsberatung in Nerchau. Handys gab es keine, die meisten fuhren Moped oder Motorrad. Da Benzin über Kontingent zugeteilt wurde und nie ausreichte, wurden die Autos nur im Winter genutzt. Die Lehrausbildung im Kloster Nimbschen mit der LPG Beiersdorf brachte jährlich Nachwuchs. Alle LPG-Tierproduktion waren kleiner und um die Dörfer zentraler aufgestellt. Die Bauern arbeiteten im Ort, oft sogar im eigenen Gut. Leistungsstarke LPG-Tierproduktion hatten wenig sorgen mit den Arbeitskräften, die in der Landwirtschaft immer gesucht wurden. Aber die schwächeren, mit alter Technik, 7 Tage Woche und 14 Tage Urlaubsanspruch bekamen wenig qualitativ hochwertigen Nachwuchs, nein die zuverlässigen wanderten ab. Es gab einige LPG, die jährlich 50 % neue Arbeitskräfte einstellten, die Wandermelker. Deren eigentliche Heimat waren die Dorfkneipen. Die Kooperativen Abteilungen Pflanzenproduktion waren kooperative Einrichtungen der LPG und VEG- der Volkseigenen Güter zur gemeinsamen Bewirtschaftung des Acker- und Grünlandes in enger Zusammenarbeit mit den Agrochemische Zentren und Kreisbetrieben für Landtechnik. Die LPG bewirtschafteten ab jetzt ihre Felder gemeinsam, delegierten Arbeitskräfte, welche die entsprechenden Arbeiten durchführten, in die KAP, blieben aber dennoch wirtschaftlich selbständig und rechneten auch kaufmännisch selbst ab. Das hatte zur Folge, dass alle Ernteprodukte nach gleichen Grundsätzen verteilt wurden. Auf der einen Seite war der Staatsplan, eine Ablieferung an den Staat die erfüllt werden musste, zum anderen galt es die großen Tierbestände täglich ausreichend zu füttern. Die schwächeren LPG erbrachten oft nicht die staatlichen Vorgaben je Tier. Aber davon war der Lohnfond für das nächste Jahr abhängig, so wurden einfach mehr Tiere gehalten, als der Plan vorsah. Ein böser Kreislauf begann zu arbeiten, ein ertragreiches Jahr glich das aus, aber es gab auch Trockenheit und kalte lange Winter. Die Differenzierung in den Kooperationen war oft von der fachlichen Qualität und Durchsetzungskraft der Leiter geschuldet.Territoriale Unterschiede in Nerchau konnten durch mehrere Fruchtfolgen ausgeglichen werden. Je nach Bodengüte wurden in einer Fruchtfolge Rüben, Kartoffeln, Weizen, Gerste, Klee angebaut, in der zweiten Mais, Roggen, Gerste, Ackergras, Luzern. Die Felder wurden viel größer, effektiver für die Technik. Meliorationsmaßnahmen erleichterten die Be- und Entwässerung. Kurz: der 1. Schritt zum Großbetrieb war getan. Ein Nachteil für die neuen Brigaden der Bauern war aber der unterschiedliche Leistungsstand der Mutter- LPG. So war es möglich, dass das Mitglied der LPG Roda für seine Arbeit auf dem Feld, weniger verdiente als das Mitglied der LPG Mutzschen. Gearbeitet wurde nach Arbeitseinheiten. Der Wert der Einheit war 1973 vielleicht 18 DDR-Mark. Davon wurden 16 Mark monatlich gezahlt, zwei blieben als Reserve im Betrieb und konnte, wenn der Plan erfüllt wurde am Jahresende ausgezahlt werden. Das legten die Landwirtschaftsbank und der Rat des Kreises fest. Effektive Betriebe hatten hohe Werte, schwache geringere. Diese wurden multipliziert mit dem Gegenwert der täglichen Arbeit. Ein Transport von Getreide in der Ernte mit dem Traktor und einem Anhänger erbrachte 0,25 Arbeitseinheiten je Stunde mal die 16 Mark, ergibt einen Stundenlohn von 4 Mark, da 2 Mark nicht gleich gezahlt wurde. Spitzenverdiener über 1000 Mark netto, da in den LPG nur monatlich 60 Mark Sozialversicherung abgezogen wurden. Der Verdienst im Jahr lag bei 800-1000 Arbeitseinheiten im Jahr, dazu wurden je Einheit noch 50 Pfennig Prämie gezahlt. War das Jahr erfolgreich kam nach der Jahreshauptversammlung im Februar es zur Auszahlung von etwa 1500-2500 Mark der DDR, je nach Leistung und Arbeitsstelle. 1972 war das einzige Jahr in dem es keine Auszahlung gab. Eine Rinderkrankheit in der Milchproduktion war der Ausgangspunkt. Kontinuierlich war eine Ertragssteigerung zu verzeichnen. Auch der Lohn stieg mit. Die Bauern beherrschten den Großbetrieb jährlich besser. Schrittweise beteiligten sich 1973 folgende LPG an der KAP: „Karl Marx“ Nerchau, „Rotes Banner“ Mutzschen, „Friedenswacht“ Roda, „Vorwärts“ Köllmichen, „Einheit“ Wetteritz und das VEG Cannewitz auf einer landwirtschaftlichen Nutzfläche von 3.510 ha. Am 01.01.1976 schlossen sich die LPG „8. Mai“ Wagelwitz und am 01.01.1978 die LPG „Vereinte Kraft“ Fremdiswalde der KAP an. Die restlose Trennung der ursprünglich gemeinsamen Nutzung der Felder der ersten Bauern der 50iger Jahre sowie der Tierproduzenten erfolgte zum 01.07.1978 durch die Gründung der LPG-Pflanzenproduktion Nerchau mit Siegfried Richter an der Spitze. Somit wurde aus 7 LPG und einem VEG ein selbstständig wirtschaftender Großbetrieb, wirtschaftend auf einem ertragreichem Lö 3 Boden, das ist ein Lös Lehmgemisch im Süden, nördlich ein Sand, Ton Lehmgemisch mit einer durchschnittlichen Ackerzahl von 63, (40-80) und einer Grünlandzahl von 44. Die natürlichen Voraussetzungen für eine hohe Produktivität waren jetzt gegeben. Die Entwicklung des Territoriums war erst einmal abgeschlossen. Sitz der Verwaltung wurde 1981 der alte Gasthof in Schmorditz. Drei eigene Betriebsbusse der Marke Robur fuhren über die Dörfer die Leute von zu hause zum Arbeitsplatz, danach die Handarbeitsbrigaden oder Erntekomplexe auf die Felder. In Nerchau gab es einen Technikstützpunkt mit Werkstatt, in Fremdiswalde einen Stützpunkt sowie in Mutzschen Technikhallen und die Zentralwerkstatt. 28 Schlosser reparierten den Fuhrpark, jede LPG hatte eine Baubrigade, unsere umfasste über 30 Mitarbeiter. Eine 8 Mann Meliorationsbrigade pflegte Gräben und Dränagen. In Fremdiswalde und Würschwitz arbeiteten Frauenbrigaden, bei Schlechtwetter und im Winter in beheizten Hallen. Sie pflegten die Rüben, lasen Steine, lagerten Stroh ein, oder waren bei der Ernte. Zur Gurkenernte im Juli bekamen wir viele Jahre Hilfe aus der Tschechei. Eine Mädchenfachschule aus Blansko unweit Brünn kamen zweimal jeweils 14 Tage mit 20 Schülerinnen, mit ihrer Direktorin Maria Kuzerowa. Sie wohnten in Cannewitz im Rittergut. Für ihre fleißige Arbeit gab es dann Busfahrten nach Dresden und Leipzig. Anfang September begann die Kartoffelernte von etwa 350 ha. In Fremdiswalde wurde in zwei, zeitweise auch drei Schichten sortiert und abgepackt, pro Schicht mit mindestens 50 Personen. Diese wurden in 50 kg Säcke abgepackt, in Gemüsegeschäfte oder nach Vorbestellung zu den Kunden nach hause gefahren. Ein Teil war Futter und der Rest kam in die Stärkefabriken als Rohstoff für die Industrie. Zusätzliche Arbeitskräfte wurden vom Rat des Kreises vermittelt. Soldaten der Roten Armee aus Grimma, Oschatz oder Altenhain halfen zu Arbeitsspitze. Einmal kamen Offiziere und Soldaten der Fliegeroffiziersschule Kamenz, Studenten aus Leipzig, sogar von der Musikhochschule. In einem Teil der Lagerhallen war eine Hackfruchtwäsche. Aus zwei Teichen wurde Wasser in einen Metalltrog gepumpt in dem der Inhalt von einem vollen 8 Tonnen Anhänger, etwa Kartoffeln oder Möhren, in weniger als 5 Minuten gewaschen wurde. Diese Mengen wurden nach Nerchau in die Farbenwerke gefahren, über den überschüssigen Wasserdampf der Heizwerke gedämpft und als Futter haltbar gemacht. Eine Beregnungsbrigade, aus 12 Personen bestehend, hatte ihre Hauptzeit bei Hitze und Sommer. 11 Bauern waren in der Futterbrigade, die 300 Tage nur Futter transportierte. 1989 verfügte die LPG P über 16 moderne Mähdrescher, zwölf LKW W50, je 4 Rüben Köpf- und Erntemaschinen, 8 Schwadmäher, 6 Häcksler, beide dienen der Futterernte, 9 russische Großtraktoren zum pflügen und Feld bestellen, über 100 Traktoren und hunderte Anhänger, moderne Technik über Technik mit einer großen Schlagkraft. Die LPG P Nerchau war ein Teil der Kooperation Nerchau mit 6 LPG der Tierproduktion und einem Volksgut. So wurden etwa 5200 Rinder, 10000 Schweine, 60 Pferde und 2200 Schafe jährlich versorgt. Arbeit fanden etwa 650 Menschen. Über 10.000 Tonnen Getreide und 150.000 Tonnen Futter, dazu Rüben, Kartoffeln, Gemüse, Stroh usw. wurden produziert und transportiert. Die juristische Selbständigkeit und ökonomische Eigenverantwortung der LPG und VEG blieben voll gewahrt. In der Gesamtheit arbeitete das Unternehmen sehr rentabel So konnte allein 1987 so z.B. je Arbeitskraft 7.043 Mark der DDR auf die Bauernbank geschafft werden. Neben betriebseigenen Wohnungen existierten auch eigene Ferieneinrichtungen, z.B. das Feriendorf Mirow bei Granzow am Müritzsee, was ab 1977 mit einigen Großbetrieben der DDR gebaut wurde. Die LPG Nerchau war Hauptauftraggeber des ganzen und die Abrechnung des Aufbaues von 280 Bungalows, einem Schulungsheim, dem Sportstadion, einer Kaufhalle, einem Frisör-Geschäft, der Arztstadion, dem Speiseraum mit 400 Plätzen und der Gaststätte. Der Urlaubstag im Bungalow für 4 Personen und Vollverpflegung kostete unseren Mitgliedern 10 Mark der DDR. Engen Kontakt und regen Austausch hatten die Bauern mit der LPG in Sloup bei Brünn im Süden der Tschechei. Der Vorsitzende Pavel Sevcik führte eine sehr moderne LPG. Die Aufstallung unserer Mastbullen haben wir da abgeschaut. Wir fuhren mit zwei LO-Bussen bis an die Grenze nach Oberwiesental und wurden da vom modernen Reisebus deren LPG abgeholt. In der arbeitsarmen Zeit, also November bis März, arbeiteten die Genossenschaftsbauern im Wermsdorfer Forst, in den Zuckerfabriken, in Bischhofswerda im Mähdrescherwerk oder in Ludwigsfelde bei Berlin im W50 LKW-Werk, sowie in umliegenden Industriebetrieben. Eine große Kartoffellagerhalle aus unserem Hallenkomplex war schon fertig gebaut, als vom Bauamt die Genehmigung kam. Zur Strafe musste unsere Baubrigade mehrere Monate nach Grimma und baute damals am Kreiskrankenhaus den neuen Operationstrakt mit. Ein neuer Mähdrescher und ein LKW seit 1983 für die Arbeitsleistung wurden vom Chef mal zur Jagd bei Minister für Fahrzeugbau Kleiber ausgehandelt. Der Fuhrpark und somit die Leistungsfähigkeit des Betriebes waren jetzt riesig. Die LPG Köllmichen hatte die höchste Milchleistung im Bezirk Leipzig, aus Gastewitz kam die beste Schweinezucht, Lehrlinge aus Würschwitz, Schafe aus Wetteritz. Der Club der Sechziger beruhte auf einem Durchschnitt Ertrag von mehr als 60 dt Getreide pro Hektar, seit 1983 waren wir immer mit dabei. Der Konsultationsstützpunkt Getreide für den Bezirk Leipzig war seit 1983 in Schmorditz. Die Kooperation Nerchau hatte einen sehr guten Ruf. Mit zweistelligen Millionenbeträgen im jährlichen Umsatz stellte die Kooperation Nerchau eine ökonomische Macht da. Der Vorsitzenden Siegfried Richter an der Spitze seines Leitungskollektives ließen sich auch von keinem beeinflussen. Obwohl die SED-Kreisleitung und der Rat des Kreises die Vorsitzenden anleitete und Ziele ausgaben, bestimmen über den Betrieb tat nur er. Einzelleitung bei kollektiver Beratung aber persönlicher Verantwortung, war der oberste Grundsatz. Selbst der Landwirtschaftsberater von Gorbatschow, Prof. Wasili Bojew kam zum Arbeitsbesuch. Er ließ es sich nicht nehmen, mit schwarzem Anzug und Lackschuhen die 18 Meter breiten Fahrgassen in den Getreidefeldern Abzuschreiten und so nachzumessen. Das Ertragsniveau bei Weizen war damals mindestens so hoch wie heute, nicht zuletzt durch die winterharten russischen Weizensorten Mironowskaja, Iljitschjowka und Alcedo, die wir nicht mehr zu kaufen bekommen. Da der Stickstoffdünger energieintensiv produziert wird, gab es in der DDR ein Kontingent, welches die Ernte begrenzte. Heute wird Saatgut teilweise in Süd- und Westeuropa vermehrt, an Standorten die relativ Unwettersicher sind, aber leider nicht immer mit unserem speziellen Wetter klarkommen. Bauern die Land besaßen und in die LPG einbrachten bekamen Bodenanteile bis zu höchstens 6 ha je Landeinbringer in Höhe von 25.- Mark je ha, dass jährlich gezahlt wurde. Jeder Bauer der in die LPG eintrat musste einen Inventarbeitrag erbringen, in Tieren, Betriebsmitteln oder Technik, also Inventar. Überinventarbeiträge, die über die Pflicht hinaus eingebracht wurden, zahlten die LPG nach ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten zurück. 1990 wurde aller Inventarbeitrag sofort zurückgezahlt. Die individuelle Produktion war ein Anreiz der LPG für ihre Mitglieder nach der Arbeitszeit Geld zu verdienen. Jeder Vollbeschäftigte hatte einen Anspruch auf 0,25 ha individuelle Fläche, entweder als Fläche, Naturalien oder Geld. Wer einen Stall besaß und viele Familienmitglieder in der LPG arbeiteten bekamen jeweils 15 dt Getreideeinheiten für die 0,25 ha. Eine Getreideeinheit ist das Äquivalent für 100 kg Getreide. Möglich waren 12 dt Kartoffeln, 25 dt Futterrüben, 5 dt Möhren und 8,4 dt Getreide. Man konnte natürlich auch von anderen Kollegen zukaufen oder den illegalen Weg des Stehlens nutzen um die Menge zu erhöhen. Ein Schwein im Verkauf erbrachte nach einem knappen Jahr 1000.- Mark, ein Schlachtbulle nach zwei Jahren etwa 4000.- Mark. Die größeren Bauern mit ihren Bauernhöfen verkauften so jährlich mehrere Bullen und Schweine, günstig war dran der in der Tierproduktion arbeitete, durch die 7 Tage Woche war deren tägliche Arbeitszeit oft nur 6 Stunden. Spitzenreiter verkauften 20 Schweine und 5 Bullen. Wer nicht die Arbeit auf sich nehmen wollte, bekam jährlich 1200.- Mark überwiesen. Der Ministerpräsident der Mongolei hatte einmal den Wunsch sich individuelle Ställe in der DDR anzuschauen. Nerchau war geeignet, mehrere Grundstücke wurden besucht. Natürlich ist das auch mit Tiergeruch verbunden zu mal im Schweinestall, die Bekleidung nimmt den Geruch sofort an. Sein nächster Termin war eine Veranstaltung in der Leipziger Oper, aber das störte in nicht, sein Protokollchef hingegen war kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Mit dem Zerfall der DDR 1989 stellte sich auch auf dem Dorf die Frage: wie weiter mit der LPG? In Bayern und Baden-Württemberg, unserem damaligen Leitbild, hatten die Bauernhöfe eine Durchschnittsgröße von 17 ha. Anders als in der Wirtschaft mit dem Volkseigentum an Industriebetrieben hatten die Bauern ja noch ihr Privateigentum an Grund und Boden. Noch heute gehören die Felder, Wiesen und Wälder den im Grundbuch eingetragenen Alt Eigentümern. Monatelang wurde nicht nur die Frage von Arbeitsplätzen, sondern auch das Verbleiben der eingebrachter Felder und Inventarbeiträge der Mitglieder diskutiert. In der Kooperationsratssitzung am 01.03.1990 wurde die Aufteilung in die Mutter- LPG beschlossen. Jeder Landeinbringer entschied frei, wem er sein Land zur weiteren Bewirtschaftung geben wollte. Oft entschied die Arbeitsstelle oder persönliche Sympathie. Gleichzeitig wurde eine Arbeitsgruppe aus den LPG-Vorsitzenden und Buchhaltern gegründet, welche die LPG P Nerchau entflochten. Sie war ja 1978 neu gegründet worden und hatte Eigentum der Alt LPG übernommen, aber auch neues Eigentum erwirtschaftet. Die LPG-Pflanzenproduktion Nerchau erhielt nach dem Willen der Eigentümer etwa 1804 ha an Grund und Boden, die LPG Fremdiswalde 867 ha, Wetteritz 480 ha, Köllmichen 288 ha, das Gut Cannewitz 335 ha und Nerchau, jetzt Cannewitz 1193 ha. Der nächste Schritt war die Technikaufteilung sowie die Rückdelegierung der Mitglieder in ihre Ursprungs - LPG. Die Rechnungsführung der Buchhaltungen der Betriebe wurde exakt über die Jahre geführt. Fast problemlos hat man sich geeinigt. Die LPG Mutzschen beschloss, mit der LPG P gemeinsam den Weg in die Marktwirtschaft zu gehen und schloss sich ihr zum 1.1.1991 an. Auch die Mitglieder der LPG Fremdiswalde fassten am 1.3.1991 den Beschluss, sich der LPG P Nerchau anzuschließen. Im Winter 1991 kam auch die dritte LPG Köllmichen zur LPG P, welche sich in die LPG Nerchau umwandelte. Ein langwieriger Schritt war die gegenseitige Aufteilung von Beteiligungen und Geldforderungen. Zum Glück gab es keine Schulden, in keiner der LPG. Durch Kraft Gesetz wurden die LPG zum 31.12.1991 liquidiert. Ein hoher Druck lastete auf allen. Die rechtliche Unsicherheit war riesig. Alles war neu. Jeder Berater oder Politiker hatte täglich andere Ideen. Es gab kein Rezept für die DDR-Landwirtschaft. Ein gewagter rechtlicher Schritt des damaligen LPG P Vorsitzenden Siegfried Richter war den Reservefonds aufzulösen und an die Mitglieder auszuzahlen. Die ungenaue Novellierung des LPG-Gesetzes vom 6.3. 1990 gab die Grundlage. So bekam jede Arbeitskraft der LPG-Pflanzenproduktion Nerchau mehrere tausend DDR-Mark, einzelne über 20.000 Mark als „Abschiedsgeschenk“, 4.528.807 Millionen DDR Mark wurden an die Arbeitskräfte verteilt, errechnet auf Grundlage der geleisteten Arbeitseinheiten seit der LPG P. Das hatte sich zuvor in der DDR noch keiner getraut. Alle anderen Kooperations- LPG zogen entsprechend ihre Möglichkeiten nach, Wetteritz und Teile von Köllmichen haben liquidiert, so wurden in der Kooperation ca. 6.000.000 Millionen DDR Mark aus dem Reservefond an die Mitglieder verteilt. Natürlich wollten nicht alle Bauern wieder in den Großbetrieb. Familien, die meist noch bewirtschaftete Ställe auf dem Hof hatten, wurden Wiedereinrichter. Sie erhielten sofort ihr eingebrachtes Eigentum zurück. Der Preisverfall, günstige Kredite und Fördermittel halfen ihnen in der Anfangszeit. Sie pachten ständig Land dazu und haben bald die Größe der örtlichen LPG. Am 28.11.1991 beschlossen ca. 350 Bauern, im Saal der Großküche in Mutzschen, dass der Rest der LPG-Pflanzenproduktion Nerchau in eine GmbH & Co KG umgewandelt wird und alles verbleibende Kapital 6 Jahre lang dem Betrieb zur Verfügung steht um ihn zu festigen. Die Landwirtschafts- und Dienstleistungsgesellschaft mbH Nerchau, führte die ehemalige LPG in der Marktwirtschaft. Die Landwirtschafts- und Dienstleistungsgesellschaft & CO. KG Landwirtschafts- und Vermögensgesellschaft, verwaltete das Vermögen der alten LPG. Beide werden vom gleichen Geschäftsführer geleitet. Alles Eigentum der LPG wurde in Geld umgerechnet. Dafür gab es vom Staat feste Vorlagen. Diese Summen wurden nach einem Schlüssel nach Arbeitsjahren und eingebrachtem Land von 1960 bis 1989 verteilt. Westdeutsche Wirtschaftsprüfer überwachten das streng. Jeder Bauer der LPG Nerchau zeichnete somit seine Anteile, notariell beglaubigt, unserem neuen Unternehmen und bekommt jetzt 5 % Zinsen darauf. Wer seine Mitgliedschaft kündigen wollte, bekam seine Anteile je nach Vermögen in maximal 6 Jahresraten ausgezahlt. Nicht wenige neue Gesellschaften zahlten an ihre Kommanditisten nur 50 Prozent der Summe aus, da das Geld auch schnell verwirtschaftet wurde. Wir Nerchauer zahlten 100 %, das waren wir unseren alten Kollegen schuldig. Kommanditgesellschaft besagt, dass sich freiwillig nach der Wende ca. 350 Bauern aus über 20 Orten zusammengeschlossen haben, um ihr Eigentum in einem Großbetrieb arbeiten zu lassen. Über Miet- und Pachtverträge wurde das Kapital einer produzierenden Firma übertragen, mit dem Ziel, eine Rendite zu erwirtschaften. Nach dem Abschluss von bald 400 Pachtverträgen mit den Bodeneigentümern begann eine am Markt orientierte Produktion. Mit einem Schlag war eine Überproduktion vorhanden. Die Versorgung erfolgte aus den Altbundesländern. Ein wahnsinniger Preisverfall folgte. Maschinen, Produktionsanlagen, Tiere, Feldbestände waren über Nacht nichts wert. Spekulanten und Betrüger machten reichlich Beute. Die körperlich schwere Arbeit unserer Eltern und Großeltern über 40 Jahre wurde oft mit 1 DM Erinnerungswert abgewertet. Gebäude, Feldbestände, Technik, Ausrüstung oder Tiere im Wert von Millionen DDR Mark waren auf einmal Ballast. Unser Landwirtschaftsbetrieb blutete aus, die Beregnung zerstört, da Strom zu teuer wurde, neue Rüben- und Kartoffeltechnik verschrottet, da kein Bedarf mehr da war. Am 1.Juli 1991 bewirtschafteten 151 Mitarbeiter 2150 ha Ackerfläche sowie 250 ha Grünland, molken 676 Kühe, fütterten 574 Mastrinder, und 4812 Schweine. In den veralteten Kuhställen konnte keine Qualitätsmilch erzeugt werden. Die letzten Kühe wurden 1994 verkauft. Die Ställe bauten wir zu Mastställen um. Schweinemastställe aus den siebziger Jahren entsprachen nicht den Anforderungen des hohen Standards des Umweltschutzes, die letzten Schweine wurden 1995 gemästet. Großzügige Vorruhestandsregelungen ließen die Arbeitskräfte reduzieren. Eine Entlassungswelle gab es nicht. 1998 kam es zu einer Umbenennung in den heutigen Namen. Die NM - Nerchauer- Mutzschen Agrar- und Service GmbH zugleich Komplementär der KG (Kommanditgesellschaft) führt seit 1998 die wirtschaftlichen Prozesse. Die NM – GmbH hat sich nach 23 Jahren in der Bundesrepublik zu einem gefestigten landwirtschaftlichen Betrieb entwickelt, nur viel kleiner als die LPG war. Auf noch ca. 1800 ha Fläche mit einer ausgewogenen Fruchtfolge werden 600 Mastbullen und 250 weibliche Rinder von 18 Arbeitskräften bewirtschaftet. Der Kontakt zu unseren Bauern ist uns Herzenssache. Jährlich wird eine Weihnachtsfeier mit etwa 180 Gästen organisiert. Alle Verpächter bekommen ein Weihnachtsgeschenk. Alle zwei Jahre wird ein großes Erntefest mit über 1000 Gästen gefeiert. Die alten Bauern, aber auch Nachfolger beobachten unsere Arbeit genau und halten Kontakt, üben Kritik und loben. Die Eigentümer der Bauernhöfe machten aus dem zurück gezahlten Geld der LPG kleine moderne Schmuckstücke. Wir haben heute Melkroboter, die die Kühe selbständig melken, sogar die Milch analysieren. Die Rinder haben eine Zunahme von fast 1,4 Kilogramm am Tag, Kühe geben 20.000 Liter Milch im Jahr. Die Aufstellung unserer Rinder auf Stroh im Tieflaufstall, ohne Anbindung mit Auslauf ist tierartengerecht, aber ökonomisch schwer zu erwirtschaften. Die Tiere sinken beim Laufen etwas in der Stalldung ein, dabei bildet sich bei ihnen spezielle Muskelpartien aus, mit hellem Speck. Das Fleisch wird vorrangig von den Händlern aus Frankreich aufgekauft. Diese erwarten im Schlachthof Altenburg oft schon unsere Lieferung. Die Rinder im Stall in Fremdiswalde und der ehemaligen Milchviehanlage Mutzschen, dazu im Sommer auf etwa 8 Rinderweiden zwischen Deditz, Köllmichen und Fremdiswalde versorgen 4 Personen. Montag, Mittwoch und Freitag wird Stroh eingestreut, zweimal am Tag gefüttert, je nach Möglichkeit alle 8 Wochen gemistet. Die Tiere sind nicht angebunden, leben in Gruppen von etwa 120 Tieren und haben Auslauf an die frische Luft. Ein Traktor kostet so viel wie ein Einfamilienhaus, ein Mähdrescher fast eine halbe Million Euro. Der Traktorist hat immer mehr nur noch eine Überwachungsfunktion, die Maschinen fahren über Computer und Satellit fast alleine. Es gibt Pflanzenschutzmittel, von denen werden 20 Gramm je Hektar ausgebracht, von einer Maschine mit 36 Meter Arbeitsbreite und auf den Milliliter genau. Der Mähdrescher hat eine Schneidwerksbreite von bis zu 12 Meter und fährt dabei 10 Kilometer je Stunde schnell über das Feld. Traktoren zum Pflügen haben weit über 350 PS und fahren 50 Kilometer je Stunde schnell auf der Straße. Die Globalisierung geht auch an unserem Betrieb nicht vorüber. Seit 1992 liefern wir jährlich ein paar tausend Tonnen Weizen nach Italien. Die Italiener bringen Müll nach Gröbern in die Deponie, waschen die Autos und laden Weizen. Wintergerste haben wir schon nach Dänemark verkauft. Die letzten 400 Tonnen Stickstoffdünger kamen aus Ägypten. Die Mähdrescher werden in Belgien gebaut, Traktoren in USA oder Kanada. Alle unsere Produkte sind zertifiziert und unterliegen strengsten Kontrollen. Die Landwirtschaft ist eine hochmoderne Branche geworden, die unser tägliches Brot sichert und mit der jeder neunte Arbeitsplatz in Deutschland in Zusammenhang steht. Die großen Felder sind jetzt so gezeichnet, dass sie von vielen Landwirten nebeneinander bearbeitet werden. Das letzte große Feld „Mühle Prösitz“ mit 116,62 ha, bewirtschaften wir noch alleine, dazu kommen 95 kleinere Schläge, 0,58 ha ist der Kleinste. In der Werkstatt sind stundenweise 3 Schlosser beschäftigt, in der Verwaltung noch 3 Frauen, den Ackerbau besorgen 7 Kollegen, dazu kommt noch eine Studentin und ein Geschäftsführer. Jeder wird weitgehend für alle Arbeiten eingesetzt. Wenn Arbeitsspitzen anfallen, werden diese gemeinsam gemeistert. Wir nutzen modernste Technik und führen alle Arbeiten außer der Rübenernte selbst aus. Der Lagerhallenkomplex in Fremdiswalde ist heute Getreidelager mit Unterflurbelüftung, Getreidemühle, Getreidereinigung, Trocknung und Saatgutaufbereitung. Kartoffeln bauen wir nicht mehr an. Wir können die gesamte Ernte einlagern. Der Rechtsnachfolger der LPG Nerchau steht auf stabilen Füßen, hat gute Leistungen, langfristige Pachtverträge, einen modernen Fuhrpark, arbeitet auf Nachhaltigkeit. Eine breite Fruchtfolge, bestehend aus den Früchten: Zuckerrüben, Weizen, Gerste, Raps, Mais, Roggen, Triticale und Welches Weidelgras garantiert eine gute Humusversorgung und mehrt die Bodenfruchtbarkeit, den Garant für die Zukunft.